Auserwählt

VIGILATE ITAQUE / QUIA NESCITIS DIEM NEQUE HORAM
(Darum wachet! / Denn ihr wisset weder Tag noch Stunde.)

Evangelium nach Matthäus, Kap. 25, Vers 13

 

ERSTER TEIL
FREITAGABEND, 5. JULI

 

1

„Das ist Wahnsinn.“ Helga Kramer war außer sich. Sie konnte den Blick nicht von der Bühne wenden, auf der eben noch das kleine Mädchen gestanden hatte. Ihre Augen leuchteten: „Wahnsinn“, wiederholte sie.
„Sie ist gut“, pflichtete Erika Lechmeier bei, die Direktorin des renommierten Internats Schloss Knauthain, und entfernte einen Fussel von ihrem Kleid. Helga war Musiklehrerin und verfügte über eine schwärmerische Natur; sie selbst hatte Physik studiert.
„Sehr gut“, korrigierte die Direktorin ihr Urteil und machte ein Häkchen hinter den Namen des Kindes. „Mehr als zehn Plätze können wir aber nicht vergeben. Hinter Sabrina Solowjow und Magdalena Baumgartner habe ich ein Fragezeichen notiert. Wenn wir Greta Hauser nehmen, müssen wir eine der beiden wieder …“
„Habt ihr das nicht gehört?“ Helga Kramer hatte schlanke, schöne Finger, die sich zu einem Trichter formten. „Ich habe diese Sonatine von Franz Schubert noch nie so“ – ihre   Hände griffen nach oben, als suchte sie nach dem passenden Wort –: „noch nie so rein gehört.“ Sie sprang auf. „Die Intonation war makellos“, fuhr sie fort, „und dazu dieses gesangliche Legato, die gestochen scharfen Staccato-Achtel im Menuett und die gleichmäßigen Triolenketten im letzten Satz.“ Sie wiegte den Kopf hin und her. „Aber es geht mir nicht allein um eine solide technische Basis.“ Helga Kramer setzte sich wieder und blickte ihre Kollegen der Reihe nach an: „Habt ihr das sehnsuchtsvolle Drängen gehört? Die musikalische Sensibilität? Sogar den tragischen Charakter des Stückes hat das Kind erfasst, und alles so ungezwungen.“ Wieder schraubten sich ihre Hände in die Luft. „Das Mädchen wird es weit bringen, sage ich euch, sehr weit!“
Sie schien erschöpft.
„Also steht unser Urteil“, fasste Erika Lechmeier das Gesagte zusammen. „Wir nehmen sie.“
Die Direktorin lehnte sich zurück und ließ ihren Blick durch den Saal schweifen. Vor drei Jahren war das alte Renaissance-Theater restauriert worden und erinnerte seitdem, niemand wusste genau warum, an die Sixtinische Kapelle in Rom. Mit interessierten Eltern kam sie immer zuerst hier her, da die humanistische Bildung, die auf ihre Kinder wartete, an diesem Ort spürbar wurde, fand sie.
„Norbert?“ Helga Kramer wandte sich an den Mann mit der Glatze. Norbert Lechmeier hatte Germanistik studiert und stand der Kunst näher als seine Frau Erika. „Was denkst du über das Mädchen?“
Er hatte schwere Augenlider und üppige Lippen, die er nach jedem Satz mit seiner Zunge befeuchtete.
„Sie ist ein echtes Ausnahmetalent“, attestierte er. „Du hast recht, Helga. Greta Hauser, den Namen sollte man sich merken.“
„Findest du?“ Ihr Lachen war hell und klar. Flüchtig fasste sie sich an die Halskette.
„Sie hat mich in den Bann gezogen“, bestätigte er. Seine Zunge fuhr heraus.
„Das war Wahnsinn, oder?“
„Sie hat Magie.“
„Magie! Das ist es.“
„Also nehmen wir sie.“ Erika Lechmeier blickte ihren Mann vielsagend an. „Jetzt ist also nur noch die Frage, ob wir Sabrina Solowjow oder Magdalena Baumgartner rausstreichen. Das entscheidest du, Helga.“
Helga Kramer blinzelte, als sei sie aus einem Traum erwacht. „Ich kann das nicht, wirklich. All die enttäuschten Kindergesichter, Gütiger, da zerplatzen Lebensträume, ich kann so etwas nicht.“
Die Lechmeier wartete.
„Die Solowjow“, sagte Helga Kramer schließlich und zuckte mit den Schultern. „Ihr fehlt ohnehin die Ausstrahlung. Sie wird es nie weit bringen.“
Es war ein langer Tag gewesen. Erika Lechmeier stand in der Tür und blickte sich nach ihrem Mann um. „Kommst du?“, fragte sie. „Gleich“, antwortete er und checkte sein Handy.
Eine Woche hatten die Aufnahmeprüfungen für das nächste Schuljahr im Internat Schloss Knauthain gedauert, heute war Freitag. Nach den geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern bildete die Musik traditionsgemäß den krönenden Abschluss, zumindest sah Helga Kramer das so, und auch dieses Jahr war sie nicht enttäuscht worden. Aus 164 Bewerbungen – allein für den musischen Bereich – hatten sie 20 Kinder ausgewählt und zum Vortrag eingeladen, die meisten hatten Klavier gespielt, gefolgt von Geige und Querflöte, alle mit guten und teilweise beachtlichen Erfolgen, doch das Mädchen, das zuletzt vorgetragen hatte, war etwas ganz Besonderes.
„Ich bin noch immer ganz baff.“ Helga lächelte Norbert zu. Die beiden waren jetzt allein.
Norbert legte sein Handy weg, als habe er auf diesen Moment gewartet. „Hast du eigentlich mit Moni und Hubert noch Kontakt?“
„Hin und wieder.“ Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich. „Es ist und bleibt eine Tragödie.“
Draußen waren Stimmen zu hören. Norbert zögerte. Er sah sie an, jemand polterte gegen die Tür. Dann packte er seine Sachen und wandte sich ebenfalls zum Gehen.
„Aber was ich fragen wollte“, hielt sie ihn zurück. „Fährst du nachher am Bahnhof vorbei? Oder ist Erika …“
„Ich kann dich mitnehmen, wenn du das meinst.“
„Danke“, sagte sie und unterdrückte ein Gähnen. „Kurz nach sechs geht mein Zug.“
„Nach Berlin?“
Sie nickte. „Zu Charlotte.“
„Tja dann.“ Er trat auf der Stelle. „Sie hat das Kind bekommen, nicht?“
Sie bedeuteten ihm, zu warten, während sie in ihrer Handtasche nach etwas suchte. Die Tasche hatte goldene Griffe, sie passte nicht zu Helga, fand Norbert.
Helga hielt ein Foto hoch. „Es ist ein Junge.“
„Goldig“, nickte er und stemmte seine Aktentasche auf den Tisch. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, als seien Steine drin.
„Ich muss noch mal ins Büro“, sagte er mit feucht glänzenden Lippen. „In einer halben Stunde fahren wir, okay?“
„In einer halben Stunde“, bestätigte Helga, legte das Foto zurück und nahm ihren Laptop heraus. „Ich warte solange hier.“
Wie früher, als sie noch regelmäßig auf der Bühne stand, genoss Helga Kramer die Stille, nachdem alles vorbei war. Erst nach einem Konzert wurde der Saal zu einem wahrhaft magischen Ort, zu einer Lichtung im Mondschein, in der man nach wochenlanger Anspannung endlich zur Ruhe kam.
Helga Kramer klappte den Laptop auf. Sie war heute Morgen nicht mehr dazu gekommen, ihre E-Mails abzurufen. Sie öffnete das Programm, wartete und überflog die Absender der eingegangenen E-Mails: Charlotte hatte ein neues Bild von dem Kleinen geschickt und Frau Klinger, die Schulsekretärin, bat erneut um die Abschlussberichte. Sonst gab es nichts Wichtiges, nur Werbung und ein paar Newsletter; gedankenverloren klickte sie auf eine Einladung in die Philharmonie Berlin und löschte sie wieder, nachdem sie nicht richtig angezeigt werden konnte.
Von draußen drangen Stimmen herein, sie wurden lauter und entfernten sich wieder. Sie hörte die Putzfrau mit dem Staubsauger den Gang hoch und runter fahren. Auf der Bühne stand noch immer der Notenständer, eingestellt auf ein Kind mit einer Körpergröße von einem Meter sechsundvierzig.
Die Mutter von Greta Hauser war Italienerin und hatte in Mailand Gesang studiert. Dann hatte sie einen Deutschen geheiratet, der in München Filmmusik machte. Wie bei vielen frühreifen Kindern waren die Eltern also vom Fach, auch Helgas Vater war ja Klavierlehrer gewesen, doch entgegen der landläufigen Meinung wurde gerade diesen Kindern nichts geschenkt. Sie schloss das E-Mail-Programm und suchte in ihren Dokumenten nach dem Lebenslauf des Mädchens, der ihr als pdf-Dokument vorlag. Sie hatte ihn schon einmal gelesen, doch jetzt, nachdem sie das Kind gehört hatte, besaß alles eine andere, tiefere Bedeutung. Abermals las sie mit wachsendem Interesse, wie das Mädchen bereits mit fünf Jahren –
Bitte nein, lass das nicht wahr sein.
Die Stimme in ihrem Kopf klang fremd, doch Helga Kramer wusste, dass es ihre eigene war. Regungslos starrte sie auf den Bildschirm. Alles war rot. Der Bildschirm war rot geworden.
Nicht schon wieder.
Rot. Es war dasselbe Rot und in der Mitte standen die Worte: „ICH BIN AUSERWÄHLT.“
Nein.
Ihr Atem ging schnell, zu schnell. Ihre Hand begann zu zittern. Sie versuchte, den Laptopdeckel zu schließen, doch ihre Hand verkrampfte, verdrehte sich wie eine abgestorbene Wurzel. Es ging nicht. Allein der Gedanke, die rote Seite zu berühren, verursachte ihr Ekel. Helga Kramer sprang auf und öffnete ein Fenster. Sie brauchte frische Luft.
Ein kleines Mädchen stand unten im Pausenhof und starrte sie an. Ihr Gesicht war eine vor Wut verzerrte Fratze. Schnell wich Helga zurück. Ihr Herz raste. Mit zittrigen Fingern suchte sie in ihrer Handtasche nach den Zigaretten für den Notfall. Als sie wieder ans Fenster trat, war das Mädchen verschwunden.
Die Woche war anstrengend, atme ruhig und gleichmäßig, es kann dir nichts passieren, redete sie sich ein.
Helga Kramer zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und schloss die Augen. Das muss nichts zu bedeuten haben. Es könnte einfach nur Werbung sein, die sich plötzlich geöffnet hatte, die Methoden der Internetwerbung wurden ja immer penetranter, wahrscheinlich wäre sie auf die Seite irgendeines Autohändlers oder Erotikladens weitergeleitet worden, wenn sie auf die Schrift geklickt hätte.
Eine gottverdammte Werbung! Das war eine Erklärung.
Doch Helga Kramer wusste, dass es nicht so war. Vor vier Wochen hatte sie in dem Bildband über Italien, der seit Monaten neben ihrem Bett lag, einen roten Zettel mit der Aufschrift gefunden: „ICH BIN AUSERWÄHLT.“ Zehn Tage später lag in ihrem Architekturlexikon ein roter Zettel mit der Aufschrift: „ICH BIN AUSERWÄHLT.“
Und jetzt das: dasselbe Rot, dieselbe Schrift, dieselbe Botschaft.
Sie musste Christine anrufen. Christine hatte sie damit zu beruhigen versucht, dass in Helgas Wohnung die Schüler ein und aus gingen. Wahrscheinlich habe sich einer von ihnen einen Scherz erlaubt und würde sie bald grinsend fragen, ob sie die Nachrichten gefunden habe. Es war einfach ein dummer Schülerstreich, hatte Christine gesagt und Helga damit nach und nach überzeugen können.
Sie inhalierte den Rauch ihrer Zigarette und schnippte die Asche aus dem Fenster. Der Pausenhof war leer. Ich bin auserwählt. Jetzt war er also bis in ihren Computer vorgedrungen, rot, leuchtend, irreal.
Bereits vor sechs Wochen hatte jemand versucht, in ihre Wohnung einzubrechen. Als sie nach Hause kam, stand die Wohnungstür halb offen, doch es hatte nichts gefehlt. Zuerst hatte die Polizei angenommen, dass die Einbrecher wahrscheinlich gestört worden seien und ihren Plan nicht verwirklichen konnten. Doch dann hatten sie keine Spuren gefunden, keine Fingerabdrücke, kein gewaltsames Öffnen des Schlosses, nichts. In ihrer Wohnung hatte nichts gefehlt. Alles war wie immer gewesen. Bis auf die roten Zettel.
Das bildest du dir nur ein.
Helga Kramer warf die Zigarette hinaus. Und wenn es stimmte? Wenn sie sich das alles nur einbildete? Wenn sie selbst vergessen hatte, die Tür zuzuziehen?
Ich bin auserwählt. Christine hatte ja nicht ganz unrecht, es war möglich, dass einem ihrer Schüler die Hochbegabung zu Kopf gestiegen war. Möglich war es. Schließlich waren einige ihrer „Kinder“ schon 18 Jahre und kannten sich mit Computern besser aus als sie. Doch etwas in Helga Kramer sagte ihr, dass es nicht so war. Denn ihre Schüler waren etwas Besonderes, sie waren auserwählt worden, ihnen stand eine große Zukunft bevor. Doch diese Botschaften stammten von einem gescheiterten Geist; das fühlte sie mit der instinktiven Sicherheit, mit der ein Alkoholiker den anderen erkannte.
„Was ist?“ Norbert starrte sie an. Sie hatte ihn nicht kommen hören. „Hast du etwa hier drin geraucht?“
„Es war ein langer Tag.“ Helga Kramer löste sich vom Fenster, ging zum Tisch und begann, das Netzteil ihres Computers aufzuwickeln. Sie wies auf den Rechner. „Und dann hab ich mir auch noch irgendeinen blöden Virus eingefangen, wahrscheinlich per Mail.“
„Soll ich mal?“
„Vielleicht halb so schlimm.“ Sie nahm den Computer, bevor Norbert danach greifen konnte, und verstaute ihn vorne im Koffer. Dann blickte sie auf die Uhr und sagte: „Ich fürchte, wir müssen.“
„Du solltest mal dein Sicherheitsprogramm überprüfen. Ich kümmere mich am Montag darum.“

Helga Kramer bahnte sich einen Weg durch die Masse, vorbei an den hell erleuchteten Schaufenstern des Leipziger Hauptbahnhofs. Zum dunklen Hosenanzug trug sie eine weiße Bluse, im Gesicht die Anspannung des Tages. Plötzlich blieb sie stehen. Suchend hob sie den Kopf, richtete den Blick nach oben zu den Menschen, die am Geländer standen, doch sie erkannte nichts. Wo bist du? Der Lautsprecher kündigte die Einfahrt des ICE nach Berlin an. Sie nahm die Rolltreppe und begab sich auf Gleis 11.
In den Spiegeln des einfahrenden Zuges sah sie eine Frau, deren Haare grau geworden waren.
„Entschuldigung.“ Im Gang trat sie beiseite, um einem Mann im Anzug Platz zu machen. Dann zog sie, getrieben von innerer Unruhe, den Laptop heraus, verstaute ihren Koffer und registrierte zu ihrer Erleichterung, dass niemand außer ihr in der 4er-Sitzgruppe reserviert hatte. Sie hatte den Tisch für sich allein. Sie öffnete den Laptop, drückte den Startknopf und starrte erwartungsvoll auf den Bildschirm. Nach einem kurzen Flackern erschien das pdf-Dokument mit dem Lebenslauf von Greta Hauser. Sonst nichts. Der ICE fuhr an. Da ist nichts. Sie schloss die Augen.
„Aber Herzchen, ich bin doch immer für dich da!“ Der Mann am Nebentisch telefonierte. „Was meinst du denn, wie frustrierend das Ganze erst für mich ist.“
Genervt setzte sich Helga Kramer auf. Herzchen! Die Rücksichtslosigkeit, mit der dieser Bürohengst seine Eheprobleme breit trat, ärgerte sie ebenso wie der Umstand, dass sie selbst keinen Empfang hatte. Sie drückte auf ihrem Handy herum, als würde das etwas nützen. Sie schloss das pdf-Dokument und fuhr den Computer ordnungsgemäß herunter. Bevor Norbert ihr kein neues Anti-Viren-Programm installiert hatte, würde sie den Laptop nicht mehr anfassen.
Sie musste Christine anrufen!
Um sich abzulenken, nahm sie das Buch aus der Tasche, schüttelte es kopfüber und ließ die Seiten wie im Daumenkino durch ihre Finger gleiten. Nichts fiel heraus. Erleichtert lehnte sie sich zurück. Die automatische Schiebetür öffnete sich, der ICE beschleunigte. Zwei große, dunkle Augen blickten sie an. Es waren die Augen von Clara Schumann. Sie hatte die Biografie schon vor einem halben Jahr gekauft, doch bis heute war sie nicht dazu gekommen, sie zu lesen. Mit einer zärtlichen Geste fuhr sie über das Cover. Schon immer hatte sich Helga dieser Frau nahe gefühlt, deren Leben als gefeiertes Wunderkind begann und in einem langen Prozess der Desillusionierung endete. Die automatische Schiebetür schloss sich wieder. Draußen flog ein abgeerntetes Feld vorüber, dabei war es erst Anfang Juli. Ohne die Last ihres geisteskranken Mannes wäre Clara Schumann selbst als eine der größten Komponistinnen in die Musikgeschichte eingegangen. Das glaubte Helga Kramer. Doch dass sie in späten Jahren eine grausame Lehrerin gewesen sein soll, die ihre Schüler gequält habe, das glaubte sie nicht.
Sie begann zu lesen. Nur noch beiläufig registrierte sie das Rattern der Räder, den Zwischenstopp in Wittenberg, die Geräusche der Menschen, die vorübergingen, ihr Husten und Lachen. Als sie das Buch wieder zur Seite legte, waren es noch zwanzig Minuten bis Berlin. Sie nahm ihre Handtasche, warf dem Mann am Nebentisch einen flüchtigen Blick zu und ging auf die Toilette.
ICH BIN AUSERWÄHLT. Sie versuchte, die Augen zu schließen, doch es war zu spät. Das Rot war bereits in sie eingedrungen. In ihren Kopf, in ihren Körper, in ihre Welt. Unmittelbar setzten die bekannten Symptome ein: Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel. Sie setzte sich und wartete, bis das Schlimmste vorüber war.
Das kann doch einfach nicht wahr sein.
Als sie von der Toilette zurückgekommen war und das Buch einpacken wollte, war der Zettel herausgefallen. Jetzt lag er auf dem Tisch. Rot und länglich bewegte er sich im Schwanken des Zuges hin und her. Helga Kramer drehte sich angewidert weg, als sie eine rote Schlange auf dem Tisch sah, die auf sie zu kroch. Sie schloss die Augen, doch sofort blitzten noch schrecklichere Bilder auf: das Zucken einer abgeschnittenen, menschlichen Zunge, der Todeskampf eines blutigen Fisches.
Deine Fantasie spielt dir einen Streich. Jetzt war sie sich sicher.
Sie öffnete die Augen und konzentrierte sich auf den Mann am Nebentisch, der an seinem Laptop arbeitete. Sein nichtssagendes Äußeres beruhigte sie. Er sah kurz auf, als er ihren Blick spürte, freundlich desinteressiert, und arbeitete dann weiter. Helga Kramer blickte den Gang hinab. Zwei ältere Damen saßen weiter hinten. Ein Pärchen hatte es sich in einem Abteil bequem gemacht. Sie konnte ihre Gesichter erkennen, klar und deutlich. Das war ein gutes Zeichen. Sie wusste, wie man am besten mit Panikattacken umging. Sie wusste, dass es nur eine Überreaktion ihres Körpers war obwohl keine Gefahr vorlag, doch sie konnte nichts dagegen tun. Wenn sie einen dieser Zettel fand, sah sie buchstäblich rot.
Schließlich gab sie sich einen Ruck und stand auf. Mit spitzen Fingern beförderte sie den Zettel in die Klappe mit dem Papiermüll, wusch sich die Hände und desinfizierte sie mit dem Gel, das sie immer bei sich trug.
„Christine?“, rief sie lauter in das Handy, als nötig gewesen wäre. Helga Kramer stand im Gang neben der Toilette und behielt ihren Platz im Auge. Der graue Schlauch, eine riesige Ziehharmonika, welche die beiden Zugteile miteinander verband, wand sich wie unter Schmerzen, während der Zug auf Berlin zuraste.
„Was ist passiert?“, fragte Christine, die sofort wusste, dass ihre Freundin in Panik war. In letzter Zeit häuften sich diese Zustände.
„Ich hab schon wieder so einen Zettel gefunden, zuerst im Computer, jetzt im Buch.“
„Wie, im Computer?“
„In meinem Laptop. Plötzlich war der ganze Bildschirm rot. Ich weiß nicht, wie er da reinkam, vielleicht ein Virus oder über eine Mail.“
Christine räusperte sich, dann fragte sie vorsichtig: „Okay, und jetzt hörst du wieder diese Stimmen?“
„Bitte, Christine, ich höre keine Stimme, ich habe den Zettel gesehen!“
Tatsächlich hatte Helga Kramer auch einmal Stimmen gehört, sie lag im Bett und war bereits halb eingeschlafen, als plötzlich jemand aus dem Schrank flüsterte: „Ich bin auserwählt.“ Doch sie wusste selbst, dass sie sich das eingebildet hatte. Ihre Nerven waren an dem Abend überreizt gewesen. Sie hätte es Christine nicht erzählen dürfen.
„Wieder dieselbe Botschaft?“
„Ja, verdammt, er muss irgendwie meine E-Mail-Adresse rausgekriegt haben. Du musst mir helfen, Christine.“
„Wo bist du jetzt?“
„Im ICE, kurz vor Berlin.“
Helga behielt ihren Platz im Auge.
Christine räusperte sich. „Okay, wenn ich dir helfen soll, musst du dich beruhigen. Hörst du mich, Helga?“
„Ja.“
„Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass das nach Gregor klingt.“ Helga konnte hören, dass Christine das längst bereute.
„Aber Gregor ist tot. Wir waren beide bei seiner Beerdigung. Wir haben gesehen, wie die Urne in der Erde verschwand.“
Stille. Helga Kramer lehnte mit geschlossenen Augen neben der Toilettentür und fühlte das Rattern der Räder.
„Du kannst natürlich zur Polizei gehen, wenn es dir hilft“, hörte sie ihre Freundin wieder, „aber die werden dich für verrückt erklären.“
„Das ist ein blöder Schülerstreich, Helga“, sagte Christine. „Aber ich finde auch, dass es langsam zu weit geht. Wir sollten mal mit ein paar Schülern sprechen, ich denke vor allem an Felix aus der 10a.“
„Danke“, sagte Helga. Sie wusste ja selbst, wie verrückt ihr Verdacht klang. Gregor war tot. Gregor schickte ihr keine Nachrichten mehr. Gregor war mit 2,8 Promille und einem Jaguar in den Abgrund gestürzt. Sein Körper war Matsch. Kohle. Asche.
Achtzehn Knochenbrüche, eine Schädelfraktur und ein gebrochenes Nasenbein, bevor er im Auto verbrannte.
Helga erinnerte sich noch genau an das betrübte, mitfühlende Gesicht des Arztes, der ihr das gesagt und nicht geahnt hatte, dass die Worte Balsam auf ihrer Seele waren. Sie lächelte bei dem Gedanken.
„Danke.“ Helga verabschiedete sich und versprach, Christine später noch einmal anzurufen. Als sie auflegte, fühlte sich ihr Puls wieder fast normal an. Alles wäre gut gewesen, wenn sie in diesem Moment nicht die Augen geöffnet hätte. Da war jemand an ihrem Platz. Der Mann beugte sich gerade über ihre Handtasche.
„Was machen Sie da?“ Ihre Stimme klang schrill, die Leute blickten auf.
„Ich, ich wollte nur“, stammelte der Mann. Er trug eine graue Latzhose, in der einen Hand hielt er einen großen Sack, in der anderen den leeren Kaffeebecher, der auf ihrem Tisch gestanden hatte.
„Entschuldigung“, sagte sie und hielt sich an einer Rückenlehne fest, als der Zug ins Schwanken geriet.
Entschuldigung, ich werde verrückt.
Die beiden älteren Damen schüttelten den Kopf über den Mann von der Reinigungsfirma, das junge Pärchen über Helga.
Um 19 Uhr 7 stieg Helga Kramer in Berlin Südkreuz aus. Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen zwischen die niedrigen Betondecken des Bahnhofs. Auf der Rolltreppe blickte sie sich noch einmal um, nahm dann den Ausgang in Richtung Hildegard-Knef-Platz und ging an den wartenden Taxen vorüber. Draußen war es noch warm. Sie durfte Charlotte und das Baby nicht unnötig belasten. Ein bisschen Bewegung würde ihr guttun, sie würde die Strecke bis zur Wohnung ihrer Tochter zu Fuß gehen.

2

„Zwei Jogger haben die Leiche gefunden“, sagte Margot Kranich und deutete auf die beiden Männer, die mit einem dampfenden Becher in der Hand im Polizeiwagen saßen.
Clara Schwarzenbach nickte. Sie kannte den Steglitzer Stadtpark, der für Berliner Verhältnisse als relativ sicher galt. Kaum Überfälle, kaum Körperverletzungen. Und jetzt das.
Im Gras lag eine tote Frau, daneben ein blutverschmierter Ast, ein durchwühlter Reisekoffer.
„Sieht aus wie ein Raubüberfall“, stellte Margot fest. Clara nickte wieder.
Die Tote lag auf dem Rücken. Man hätte denken können, sie schlafe nur, wenn da nicht ihre Augen gewesen wären: Große, schwarze Augen starrten in den Himmel.
Clara sah direkt hinein. Manche Kollegen sagten, tote Augen sähen immer schrecklich aus, egal ob ein Krebsgeschwür, Altersschwäche oder ein Kapitalverbrechen sie verursacht hätten. Doch das stimmte nicht. Die Augen von Ermordeten hatten schreckliche Dinge mitansehen müssen, bevor sie für immer erloschen. Die grauenvollen Bilder waren regelrecht in sie eingebrannt.
Seit zwei Jahren arbeitete Clara nun am Landeskriminalamt in Berlin in der Keithstraße, in der Abteilung für Delikte am Menschen, wie es offiziell hieß. Seit zwei Jahren wünschte sie sich ein Gerät, mit dem man die Bilder der Toten abspulen konnte.

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