Mit viel Zucker

Die Türen öffneten automatisch. Ich trat ein, grüßte die Dame am Empfang und durchquerte das Foyer. Mit beiden Händen trug ich einen Karton, es waren Gläser darin, die leise klirrten. So folgte ich dem Gang in Richtung Fahrstuhl. Rechts und links standen gepolsterte Stühle. Ein älterer Herr und zwei betagte Damen blickten auf, als ich vorüberging.
„Guten Tag“, sagte ich laut und erhielt keine Antwort.
Meine Arme begannen zu schmerzen, der Karton wurde mit jedem Schritt schwerer. Große Fenster öffneten den Blick zur Gartenseite hinaus. Vor einem riesigen Schachbrett stand eine Dame über ihren Rollator gebeugt. Es sehe ja aus wie in einem Hotel hier, hatte gestern jemand gesagt, den sie herumgeführt hatten. Doch der erste Eindruck täuschte. Hier war man nicht mehr auf der Durchreise. Hier war Endstation.
Ich bog rechts ein in den schmalen Gang. Seit zwei Wochen war meine Mutter in der Seniorenresidenz zur Silbernen Möwe. Seit zwei Wochen plagte mich deshalb das schlechte Gewissen. Und seit zwei Wochen kam ich täglich, um ihr das Essen zu bringen, nach dem sie verlangte. Sie aß nur noch Apfelmus – das gute, das selbstgemachte, das nach dem Rezept von Großmutter. Mit ein wenig Zimt und viel Zucker.
Vor dem Fahrstuhl setzte ich den Karton ab, lockerte meine Arme und drückte den Knopf. In einer Sitzgruppe gegenüber schlief eine ältere Dame. Ihr Kopf war nach hinten gekippt, ihr Mund leicht geöffnet.
„Ich geh nicht ins Heim“, hatte meine Mutter gesagt. „Ich gehe da nicht hin.“ Da war sie schon nicht mehr in der Lage gewesen, selbst aufzustehen, geschweige denn auf die Toilette zu gehen. „Du hast es mir versprochen, Elvira.“
Ein heller Ton kündigte die Ankunft des Fahrstuhls an. Ich nahm den Karton wieder auf. Die Türen öffneten sich und eine Frau mit Handtüchern machte mir Platz.
Ja, ich hatte es meiner Mutter versprochen: So wie sich Mama damals um Oma gekümmert hatte, so wollte auch ich mich um sie kümmern. Drei Jahre hatte ich durchgehalten, dann brach sich Mama den Oberschenkelhals. Seitdem schaffte ich es einfach nicht mehr. Denn anders als meine Mutter damals war ich berufstätig. Ich war Ärztin. Dr. Elvira Schwarz. Ich hatte eine Praxis und außerdem eine pubertierende Tochter und einen Mann, die eifersüchtig über meine Zuwendung wachten.
Wann fahren wir mal wieder in Urlaub, Mama?
Gehst du schon wieder zu deiner Mutter, Elvira?
Ich zuckte zusammen. Ein heller Ton riss mich aus meinen Gedanken. Zweite Etage. Die Frau mit den Handtüchern stieg aus. Aus dem getönten Spiegel an der Rückseite des Fahrstuhls starrte mich eine Frau an. „Du siehst schlecht aus“, hatte meine Freundin Birgit gesagt. „Du hast dich verändert.“
Das letzte Jahr war anstrengend gewesen. Ich hatte viel gearbeitet, um nicht nach Hause kommen zu müssen. Am Ende hatte ich das Zimmer, in dem Mutter lag, nicht mehr betreten können ohne Schweißausbrüche und Atemnot zu bekommen. Nachts stand ich mehrmals auf, um nach ihr zu schauen. Sobald ich in einen unruhigen Schlaf fiel, kamen die Bilder von damals zurück: Von Großmutter, die ebenfalls in einem Bett gelegen hatte. Von Großmutter, die von Jahr zu Jahr dünner geworden war, meine Mutter hingegen immer dicker. Bei uns war es umgekehrt: Jedes Kilo, das Mutter unter meiner Pflege zugenommen hatte, war von mir abgefallen. Die Frau, die mich da im Spiegel ansah, erinnerte mich an ein Gespenst.
Wieder der helle Ton.
Wieder zuckte ich zusammen.
Der Fahrstuhl hielt in der dritten Etage, die Türen öffneten sich und ich trat in den Gang hinaus. Meine Hände zitterten stark. Die Gläser klirrten laut. Ich begann zu schwitzen.
An dem Tag, an dem Großmutter gestorben war, hatte ich meinen sechsten Geburtstag gefeiert. Ich war in einem neuen Kleid an ihrem Bett gesessen, es war rosa gewesen, mit weißen Blümchen darauf. Daran erinnerte ich mich noch genau. Es hatte Pfannkuchen und Apfelmus gegeben, natürlich das gute, das selbstgemachte. Ich hatte es sogar extra aus dem Keller geholt, zusammen mit der Zuckerdose. Auch daran erinnerte ich mich noch gut. Nur ein Bild störte regelmäßig meine Erinnerung: Das schockierte Gesicht meiner Mutter. Wie ein Blitz schlug es in das Ganze und zersplitterte alles in unzusammenhängende Teile. Abends, als der Krankenwagen kam, war Oma dann schon tot gewesen.
Ein Schweißtropfen löste sich unter meiner Achsel. Gleich war ich da. Mutter lag in Zimmer 310. Meine Arme waren fast taub, der Karton war zu einer Last geworden. Jemand schmetterte einen Schlager. Die Zimmertür gegenüber vom Zimmer meiner Mutter stand offen. Ich spähte hinein und sah einen geckenhaften Alten mit gefärbten Haaren. „Tanze mit mir in den Morgen“, sang er und richtete sein Auge auf mich. Mir lief es kalt den Rücken runter. Schnell verschwand ich in der 310.
Hallo, Mama.
Erschöpft ließ ich den Karton auf den Tisch sinken, schloss die Tür und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Mutter schlief. Dann legte ich den Mantel ab und betrachtete meine Mutter. Sie lag auf dem Rücken, den Kopf erhöht, die Hände ordentlich über der Brust gefaltet. Sie hat abgenommen; seit sie hier war, verweigert sie das Essen.
„Ihr hattet ja schon immer eine enge Bindung, oder?“ Die Frage stellten Freunde, die nicht verstanden, warum ich mir das „antat“, wie sie es nannten. Freunde, die ich seit Jahren nicht mehr getroffen hatte. Mein Blick fiel auf die braunen Flecken und blauen Adern auf Mamas Handrücken. Ja, es stimmte, wir waren sehr eng miteinander. Aber es war komplizierter. Seit ich ein Kind war, habe ich gespürt, dass sie mir etwas vorenthielt. Einen kleinen Rest Liebe. Ein Hauch von Fremdheit war zwischen uns und ich wusste nicht, warum. Daran hatte ich mich all die Jahre abgearbeitet.
Warum hast du nie mit mir darüber gesprochen?
Ich wusch meine Hände, zog den Stuhl neben ihr Bett, nahm das alte Fotoalbum aus dem Regal und setzte mich neben sie.
„Was ist damals passiert?“, fragte ich und fuhr mit dem Daumen über die Seite. Seit ich mich erinnern konnte, fehlten zwei Fotos. Jemand hatte sie aus dem Album gerissen – ungefähr an der Stelle, an der mein sechster Geburtstag hätte dokumentiert werden müssen.
„Mama?“ Ich rüttelte sie ein wenig an der Schulter. „Was ist damals passiert“, wiederholte ich meine Frage.
„Was ist …?“ Meine Mutter öffnete die Augen.
„Warum gibt es kein Foto von meinem sechsten Geburtstag?“
Meine Mutter sah mich verwundert an. Dann erschien ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, den ich nicht zu deuten wusste.
„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte ich, stand auf und nahm ein Glas Apfelmus aus dem Karton. Dann holte ich einen Löffel aus der Schublade und setzte mich wieder neben sie.
„Was ist das?“, fragte Mutter.
„Das weißt du doch“, sagte ich. Ein leises Ploppen war zu hören, als ich den Deckel öffnete.
„Apfelmus. Das gute. Das von Oma.“
Meine Mutter wich zurück.
Und da war er wieder, dieser Ausdruck – als ob sie Angst vor mir hätte.
„Ich möchte endlich wissen, was damals passiert ist“, wiederholte ich gereizt. „Wie ist Oma gestorben?“
Herzinfarkt, hatte es geheißen.
Ich rührte das Apfelmus um. Dann begann ich, meine Mutter zu füttern. So wie jeden Tag. Doch heute drehte sie den Kopf zur Seite. Ich versuchte es abermals, doch sie hielt ihren Mund fest verschlossen.
„Raus“, sagte meine Mutter plötzlich.
„Raus“, hatte Mama auch damals geschrien, als sie mich am Bett von Großmutter erblickt hatte.
„Das war kein Zucker“, sagte ich ruhig. Es klang wie eine Frage.
Meine Mutter antwortete nicht. Doch auf einmal sah das Bild deutlich vor mir: Jemand mischte ein Pulver in das Apfelmus. Ein weißes Pulver?
Was hast du bloß getan, Mama?
„Du hast es also nicht vergessen“, flüsterte Mutter.
„Iss“, sagte ich und hielt ihr den Löffel hin. Für einen Moment flackerte Panik in ihren Augen auf, dann öffnete sie den Mund und nahm einen Löffel. Sie schluckte. Dann sagte sie:
„Ich habe immer gehofft, du hättest es vergessen. Du warst ja noch ein Kind.“
Ich gab ihr noch einen Löffel. Als sie den Mund öffnete, zitterten ihre Lippen. Eine Träne lief ihre Wange herab und vermischte sich mit dem Mus.
„Mama“, sagte ich zärtlich und tunkte den Löffel abermals in das Mus. Jetzt weinte auch ich. Liebevoll sah ich sie an: „Warum hast du nie versucht, mit mir darüber zu sprechen? Ich war doch dabei gewesen! Denkst du etwa, ich hätte das alles vergessen? Weißt du eigentlich, wie belastend das für ein Kind sein kann?“
Sie sah mich an. Ihre Augen waren trüb geworden.
„Geh jetzt“, sagte sie. „Lass mich allein.“
„Nein“, sagte ich und lächelte. Sie sollte wissen, dass ich ihr verziehen hatte. Schon längst. Und sie sollte wissen, dass ich sie liebte. Wann sagte sie endlich, dass sie das gleiche für mich empfand? Ich legte meine Hand auf ihren Arm und flüstere: „Ich habe dir immer versprochen, genauso für dich zu sorgen, wie du für Oma gesorgt hast.“
Meine Mutter nahm ihren Arm weg.
„Ich habe mich immer vor dir gefürchtet“, sagte sie mit plötzlich veränderter Stimme.
„Was redest du da?“, fragte ich. Das Glas glitt mir aus der Hand. Das Mus ergoss sich über den Boden. Der Atem meiner Mutter begann seltsam zu rasseln.
„Was redest du da bloß?“, schrie ich.
Plötzlich überkam mich eine ungeheure Wut. Ich packte sie an den Schultern. Konnte ich etwas dafür, dass ich zur Zeugin ihrer ungeheuren Tat geworden war? Ich zog Mama am Nachthemd hoch und schrie: „Was redest du um Gottes willen?“
Draußen auf dem Gang waren Stimmen zu hören.
„Du warst es“, sagte Mama leise. „Du hast Oma …“ Ihre Augenlieder flackerten. „Aber du warst ja noch ein Kind. Ich dachte, du hättest alles vergessen.“
Ich?
Abrupt ließ ich sie los. Mama sank zurück in die hellgelben Kissen und begann, ein Gebet zu murmeln. Ich glaube, es war das Vaterunser.
„Ich?“, wiederholte ich laut. Ungläubig starrte ich in das bleiche Gesicht meiner Mutter, das zu zucken begann. Dann rief ich ängstlich: „Mama, was hast du denn?“
Meine Mutter griff sich an den Hals. Sie schien keine Luft mehr zu bekommen.
„Mein Gott, was hast du denn?“, schrie ich. Dann drückte ich den Notfallknopf, der über ihrem Bett baumelte.
„Schnell“, rief ich, als die Pflegerin erschien und zuerst mich und dann meine Mutter mit einem überraschten Blick bedachte. „Herzversagen. Wir brauchen einen Notarzt.“
„Schnell“, murmelte ich, als die Schwester zurück auf den Flur rannte. Dann nahm ich den Löffel und begann, das Mus vom Boden zu kratzen. Das gute, das selbstgemachte, das mit viel Zucker. Niemals hatte ich verstanden, warum meine Mutter Angst vor mir gehabt hatte.
Niemals. Bis auf diesen Augenblick.

© Silke Nowak, 2015. Erstmals veröffentlicht in Mauerläufer, Literarisches Jahresheft 2015.