Schneekind

1

Es war der Morgen des 24. Dezembers. Ich hatte weder das Taxi gerufen noch die Angst, die vor der Tür bereits warteten, als wir auf die Auguststraße hinaustraten. Der Taxifahrer nickte mir zu, ein düsterer, greiser Mann. Alex reichte ihm meinen Koffer. Es war der altmodische Lederkoffer meiner Mutter, in dem ich als Kind gespielt hatte: Ich segle bis zur Nordsee davon. Der Koffer war schwer. Doch der Alte hob ihn mit einer Leichtigkeit in die Limousine, die mich überraschte.
Wir fuhren los.
Wenigstens machte das Auto einen guten Eindruck; es war ein dunkler Mercedes, ein luxuriöses Modell, das ich in Berlin noch nie als Taxi gesehen hatte.
„Ich kenne die Stadt wie meine Westentasche“, versicherte der Fahrer auf Alex‘ Nachfrage, ob ihm der Weg zum Flughafen Tegel auch bekannt sei. Alex schien sich ebenfalls Sorgen zu machen. Doch der Fahrer hatte keine Schwierigkeiten im Straßenverkehr, er hatte auch keinen Dialekt, das Einzige, was ihm zu fehlen schien, war ein Zahn, als er mich im Rückspiegel angrinste.
„Wir nehmen die Chausseestraße, Müllerstraße, Seestraße, Saatwinkler Damm“, kam er Alex entgegen. „Ist das in Ordnung?“
„Aye, aye“, sagte Alex, der nicht gerne unhöflich wirkte. „Sie sind der Käpt’n.“
Der Himmel war grau und hing voller Wolken, im Radio spielten sie Musik. I’m driving home for Christmas, sang eine sanfte, beruhigende Männerstimme, doch als Alex meine Hand berührte, zuckte ich zusammen.
Entspann dich, Anne.
Besorgt blickte Alex mich an. Dann erhellte ein Lächeln sein Gesicht, das nicht eher verschwinden würde, bis er die Antwort erhielt: Alles ist gut. Alles unter Kontrolle. Ich lächelte zurück.
Wir fuhren die Chausseestraße hoch. Graue, erloschene Häuser säumten unseren Weg. Die Weihnachtsbeleuchtung war noch nicht eingeschaltet. Man sah die Lämpchen und Kabel, die entlang der Fenster, Türen und Simse angebracht waren, vergilbte Plastikröhren, schmutzige Birnen. Ein Weihnachtsmann kletterte an einem Seil hoch in den dritten Stock.
Für viele Menschen war Weihnachten das schönste Fest des Jahres. Für mich bedeutete es einen Parcours-Lauf, der sich von Jahr zu Jahr in seiner Schwierigkeit steigerte: Es gab Düfte, Gewürze und Worte, die ich vermeiden musste, um nicht in Panik zu verfallen. Der Duft von billigem Orangenöl gehörte dazu, der Geschmack von Nelken und Worte wie „Knabe“ oder „finsterer Tann“. Letztlich kam es aber auf eine bestimmte Konstellation an, die nicht immer vorhersehbar war, was die Sache außerdem erschwerte. Vor allem aber gab es ein Lied.
Der Fahrer wechselte den Sender. Ich lehnte mich zurück. Tschaikowski war ungefährlich.
Ein Lied, in dem jedes Wort getränkt war mit einer dunklen, kalten Flüssigkeit, die wie Gift in meinen Körper eindrang und ihn zu einem harten Klumpen machte. Dieses Lied war die Essenz meiner Alpträume, das wusste ich. Doch ich wusste lange Zeit nicht, warum.
„Ein Kindheitstrauma“, sagte mein Therapeut Dr. Samuel Frey. „Ein Schock, der nicht verarbeitet werden konnte. Die Verdrängung ist derart stark, dass wir da allein über Gespräche nicht drankommen.“
An jedem anderen Tag des Jahres war ich ganz normal. Ich wage sogar zu behaupten, dass ich überdurchschnittlich beliebt war, zumal bei meinen Patientinnen, die immer wieder mein hohes Maß an Empathiefähigkeit rühmten: Wenn sie Schmerzen hatten, litt ich mit ihnen. Wenn sie vor Glück weinten, weinte ich mit ihnen. Überhaupt weine ich schnell.
Draußen am Leopoldplatz begannen die Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt. Jemand arrangierte Tannenzweige mit roten Kerzen. Ich starrte auf die Kopflehne vor mir, in die ein Computer eingelassen war. Werbung flackerte über den Bildschirm: Julia Roberts bahnte sich in einem weißen Glitzerkleid den Weg durch eine dunkle Gesellschaft. In einer Welt voller Zwänge und Konventionen – gäbe es einen anderen Weg?, las ich, bevor der Flakon eingeblendet wurde: La vie est belle. Lancôme. Dann auf Deutsch: Das Leben ist schön. Es liegt in Ihrer Hand.
Ich schloss meine Augen.
„Du musst dich deiner Angst stellen“, riet mir Frey, der meinem Wunsch, uns zu duzen, nach anfänglichen Bedenken nachgegeben hatte. „Sonst wird es von Jahr zu Jahr schlimmer. Nimm die Einladung an. Begleite deinen Verlobten und feiere das Fest der Liebe!“ Obwohl Frey seit 30 Jahren in Berlin lebte, hörte man ihm die schweizerische Herkunft noch an. Vielleicht lag es am Timbre seiner Stimme, vielleicht an seiner Erfahrung als Psychotherapeut, dass es nicht kitschig klang, wenn er „Fest der Liebe“ sagte.
Fest der Liebe. Kehlig tief sprach Frey es aus und jagte mir damit Schauder über den Rücken.
„Wenn du Angst vor einer Spinne hast, streichele eine. Wenn du Angst vor Höhe hast, tanze auf dem Eiffelturm. Und wenn du Angst vor Weihnachten hast“, Frey machte eine bedeutende Pause, bevor er lächelnd hinzufügte: „Dann feiere ein großes Fest.“
Ich öffnete die Augen. Wieder Parfumwerbung: Gwyneth Paltrow in einem schwarzen Kleid. Boss Nuit pour Femme. Das wird Ihre Nacht.
Ich blickte hinaus.
Am Westhafen bogen wir in den Saatwinkler Damm, der parallel zum Schifffahrtskanal verlief. Ein altes Schiff ankerte am Ufer, die Fenster und Türen waren verbarrikadiert. Es war festgezurrt im Hohenzollernkanal und auch wir waren unterwegs in eine Stadt, die von der Geschichte der Hohenzollern entscheidend geprägt worden war, von ihren Palästen und Intrigen. Was ich nicht wusste, war, dass diese Stadt auch meine Geschichte entscheidend prägen sollte, auch wenn ich nicht – beileibe nicht – aus einer Herrscherfamilie stammte.
Mein Großvater väterlicherseits stand bei VW am Fließband, mein Vater dann in Zwickau, wo sie den Trabi produzierten; nur meine Mutter durfte in der DDR studieren, ohne es wirklich gewollt zu haben. Im Grunde ist die Geschichte meiner Familie gezeichnet von enttäuschter Liebe und Depressionen. Mit zehn Jahren wurde mir klar, dass meine Großmutter mütterlicherseits, die ich nie kennengelernt hatte, nicht aus Versehen über das Geländer des Fichteturms in Dresden gestürzt sein konnte; es war viel zu hoch. Doch ich ließ meine Mutter in dem Glauben, denn als Großmutter stürzte, war Mama erst acht Jahre alt; damals hieß der Fichteturm noch Bismarckturm. Ich lächelte Alex zu.
„Müssen Sie heute Nacht auch arbeiten?“, fragte Alex, der sich gern mit Taxifahrern unterhielt.
Berlin war hier draußen nicht mehr so dicht, Wiesen und unbebaute Flächen schoben sich ins Bild. Ich beobachtete einen schwarzen Vogel, der lange flatternd in der Luft stand, sich dann aber plötzlich hinabstürzte, als hätte er ein Opfer erblickt. Dabei war der Boden gefroren. Und er ernährte sich längst vom Müll der Großstadt.
„Das ist sicher auch nicht immer einfach“, hörte ich Alex.
Der Fahrer nahm eine scharfe Linkskurve. Dann sagte er: „Die meisten Menschen wollen in dieser Nacht gar nicht an ihr Ziel gelangen.“
Während sich Alex weiter unterhielt – „Haben Sie Philosophie studiert?“ –, lehnte ich mich in dem Ledersitz zurück und schloss die Augen.
Ruckartig öffnete ich sie wieder. Etwas stimmte nicht. Ich starrte auf den Bildschirm.
Hallo Anne. Heute ist Weihnachten. Erinnerst du dich an mich?
Mein Herz raste. Langsam wurde ich also verrückt. Alex und der komische Alte unterhielten sich jetzt über Sport. Ich nahm meinen Schal und legte ihn über den Vordersitz. Zu meiner Erleichterung blieb es beim Herzklopfen. Alles unter Kontrolle.
Hallo Anne …
Woher wusste der Fahrer meinen Namen? Wer sonst hätte das auf den Bildschirm einspielen können? Wieder schielte ich zu den beiden Männern, wieder beachteten sie mich nicht.
Pass auf. Dr. Alexander Marquard ist …
Nein. Schluss damit. Es gab nur eine Erklärung: Meine Phobie war in ein neues Stadium getreten. Ich musste das Frey erzählen. Bisher hatte ich immer nur körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schweißausbrüche und Bauchkrämpfe gezeigt; dass ich halluzinierte, war neu.
Wieder schloss ich meine Augen.
Frey hatte recht. Es war höchste Zeit. Ich musste etwas dagegen tun, ich wollte mich nicht mehr verstecken müssen, ich wollte nicht mehr weglaufen, ich wollte dieses Fest feiern wie andere Menschen auch. Mit einem Weihnachtsbaum, mit Geschenken, Kerzen und Lichterketten an den Fenstern. Mit dem Duft von Tannenzweigen und mit Zimt. Mit glänzenden Augen. Mit einem Kind.
Ich tastete nach Alex’ Hand. Sie war warm und schloss sich um meine. In diesem Augenblick hatte ich das untrügliche Gefühl, dass alles gut werden würde.
Ein Lastwagen hupte. Ich öffnete die Augen.
Der düstere Alte schaltete das Radio aus, dann einen Gang herunter, bevor er losraste. Der Lastwagenfahrer schüttelte den Kopf, als wir in einem gewagten Überholmanöver an ihm vorbeizogen.

Am Flughafen Tegel herrschte Hochbetrieb. Der Mercedes glitt die steile Kurve hinauf und kam lautlos vor der Haupthalle zum Stehen. Die Maschinen stiegen im 10-Minuten-Takt in die Luft, um die zerstreuten Familien noch rechtzeitig zum Fest zusammenzubringen. Die Taxis reihten sich aneinander, ein cremefarbenes nach dem anderen, zwischen denen unser schwarzes fremd hervorstach. Doch unser Fahrer schien bekannt zu sein. Die meisten Kollegen nickten ihm zu. Galant öffnete er mir die Tür. Alex hatte ihn bereits bezahlt, doch er schien auch von mir etwas zu erwarten. Verwirrt kramte ich in meiner Handtasche und gab ihm seinen Obolus.
„Ein frohes Fest“, rief er uns hinterher und lachte.
Ich drehte mich nicht um. Ich folgte Alex in die Haupthalle unter die riesige Anzeigetafel, um abermals Terminal und Check-in-Schalter zu überprüfen. Es war noch eine alte Fallblattanzeige. Als ich nach oben blickte, begannen sich die Blätter plötzlich zu drehen. Es gab ein Rauschen wie bei einem Vogelschwarm, der davonfliegt, rastlos und voller Sehnsucht. Als die Blättchen wieder stillstanden, rieb ich mir die Augen. Unser Flug war verschwunden, als wäre er gestrichen worden.
„Schalter acht“, sagte Alex und schritt mit dem Kofferwagen und dem Lächeln eines Menschen voran, der vom Schicksal begünstigt worden war. Der wabenartig angelegte Terminal A platzte aus allen Nähten, lange Schlangen hatten sich vor den Check-in-Schaltern gebildet und erschwerten den Durchgang. Doch die Wartenden machten Platz, sobald sie Alex sahen. Energisch schritt er auf sie zu; niemand beschwerte sich.
„Vielen Dank, danke, sehr freundlich“, hörte ich Alex seine Worte nach rechts und links verteilen wie Bonbons.
Die Menschen hatten ihre Weihnachtsgesichter aufgesetzt. In der Stadt trugen es viele bereits seit Wochen mit sich herum. Insgesamt unterschied ich drei Typen an Weihnachtsgesichtern: Das Modell „Kinderglück“ hatte leuchtende Augen. Meist wurde es von Kindern getragen, die von innen heraus strahlten wie eine Pyramide aus Licht, die aus dem Paradies zu stammen schien oder aus dem Erzgebirge. Unter den Erwachsenen war das Modell „Frohe Weihnachten“ beliebt, eine Mischung aus Hektik und Vorfreude, Einkaufsliste und Gänsebraten, insgesamt harmlos und vorübergehend. Das Modell „Melancholie der Engel“ gefiel mir besonders gut, weil es von schmerzhafter Erinnerung sprach, aber auch von Mut und dem Verlangen nach Glück. Für mich persönlich strebte ich dieses Modell an; mehr erhoffte ich gar nicht. Denn verglichen mit dem Modell, das ich seit fünfzehn Jahren trug, war es die reine Lebensfreude.
„Phobie natalis domini“ nannte ich meine Störung scherzhaft, die Angst vor der Geburt des Herrn. Frey hatte auch schon von „Angsthysterie“, „Zwangsneurose“ oder „Konversionshysterie“ gesprochen, doch das war mir egal. Seit fünfzehn Jahren besuchte ich ihn zweimal die Woche in seiner Altbauwohnung in Charlottenburg, weil ich seine weißen Haare mochte, das geschnitzte Gesicht mit den warmen, dunklen Augen. Aber vor allem liebte ich seine Stimme, diese tiefe, kehlige Stimme, in die ich bereits ein kleines Vermögen investiert hatte. Meine Krankenkasse sah die Notwendigkeit einer Therapie schon lange nicht mehr als gegeben an; immerhin war ich voll arbeitsfähig, außer an Weihnachten. Ich war nur froh, dass Frey immer das Wort Neurose benutzte, wenn er über mich sprach und nicht das andere, das schlimmere Wort. Psychose.
„Warte“, flüsterte ich. Meine Stimme war leise, brüchig, doch Alexander hatte sie gehört. Sofort drehte er sich um. Inmitten der Betriebsamkeit des Flughafens lächelte er mich an, als gäbe es nur uns beide auf dieser Welt.
„Wir geben erst die Koffer ab“, rief er. „Komm.“
Verwirrt schaute ich mich um. Ich wusste nicht, warum ich ausgerechnet vor dem Laden stehengeblieben war, vor dem ein rot gekleideter Mann Süßigkeiten verteilte. Er hatte weiße, buschige Augenbrauen, er erinnerte mich an Frey, hypnotisiert starrte ich in sein Gesicht und suchte nach Anzeichen von Watte oder Klebstoff, doch seine Verkleidung war gut. Ich starrte ihn an und merkte nicht, wie sich das Gift in meinem Körper ausbreitete.
Last Christmas I gave you my heart, but the very next day you gave it away …
Ich hatte keine Chance. Als ich die Melodie bemerkte, die aus dem Lautsprecher direkt über dem Eingang kam, war es bereits zu spät. Meine Kehle schnürte sich zu. Der Weihnachtsmann reichte mir etwas, ein paar Leute lachten. Kalter Schweiß brach mir aus, etwas stach mir in den Rücken.
This year, to save me from tears, I’ll give it to someone special, special …
Krampfartige Bauchschmerzen überfielen mich von einer Sekunde auf die andere. Panisch suchte ich die Umgebung ab, ich musste mich irgendwo hinsetzten, bevor ich in Ohnmacht fiel. Meine Hände verkrampften sich bereits zu Fäusten, hilflos hielt ich sie vor meine Ohren, um die Worte abzuwehren, die direkt aus der Hölle zu kommen schienen.
Oooohhhh, oh oh baby …
„Anne? Alles in Ordnung?“
Alex war bei mir, er umfasste meine Handgelenke und zog sie sanft zu sich herab. Er lächelte. Seine blauen Augen suchten meine. Blaue, tiefe Augen, es tat so gut, in sein Gesicht zu sehen.
A face on a lover with a fire in his heart …
Die Musik wurde leiser, schien mir. Die Krämpfe verschwanden ebenso schnell, wie sie gekommen waren. Meine Muskeln entspannten sich, ich zitterte nur noch leicht. Als ich die rechte Faust öffnete, lag ein kleines Herz darin. Es war ein mit Schokolade überzogener Lebkuchen, der mir in diesem Moment wie ein Zeichen für die Kraft unserer Liebe vorkam. „Alles wird gut“, flüsterte Alex in mein Ohr. „Alles wird gut“, flüsterte er und küsste die Tränen von meiner Wange.
Alex wusste von meiner Angst, und er war stark genug, mit ihr umzugehen. Mitten im Flughafen zog er seine dunkelblaue Cabanjacke aus, und dann auch den Kaschmir-Pullover, unter dem er ein weißes Hemd trug. Er sah mich an, während er den Gurt meines Ledermantels löste, unter dem ich nichts als eine dünne Bluse trug. Jetzt verstand ich. Er sah, dass ich fror. Und tatsächlich war mir kalt. Ich tat ihm den Gefallen und zog seinen Pulli über, umständlich, damit meine Frisur nicht ruiniert wurde, und schlüpfte wieder in den Ledermantel. Schnell wurde mir wärmer, ich sah aber aus wie eine Presswurst.
„Ist es vorbei?“, fragte er, nahm das kleine Lebkuchenherz, das ich immer noch in meiner Hand hielt, und aß es auf.
„Mein kleines Herz“, lachte er. Das war typisch Alex. Er konnte unglaublich zärtlich sein und im nächsten Moment einen Witz machen, überhaupt fiel es ihm viel einfacher als mir, aus Stimmungen und Pullovern hinein und wieder hinauszugelangen.
„Dort geht es schneller“, sagte Alex und ging auf den Schalter der Ersten Klasse zu, obwohl wir Economy gebucht hatten. Beruflich flog er immer Business Class, und so vermochte er, sicheren Schritts auf die perfekt geschminkte Dame hinter dem Schalter zuzugehen. Allein die Vorstellung, an ihrem eisigen Lächeln abzuprallen, fand ich dermaßen unangenehm, dass ich lieber die Wartezeit in Kauf genommen hätte. „Deine Angst, abgewiesen zu werden, sitzt dermaßen tief, dass sie dich in ganz normalen Alltagssituationen behindert“, hörte ich Frey. Nach über zehn Jahren Therapie waren seine Kommentare längst zu einem festen Bestandteil meiner eigenen Gedankenwelt geworden, was Alex zu dem Vorschlag verleitet hatte, das Geld für die Sitzungen „gewinnbringender“ in eine Eigentumswohnung zu investieren: „Wenn du ohnehin weißt, was er sagt.“
Es war schwierig, Alex zu erklären, dass es mir weniger um die Inhalte ging als um die Stimme und das Gefühl, in Frey einen Vertrauten gefunden zu haben, einen Mitwisser. Kein Begriff der Welt – schon gar nicht der der „Übertragung“ – durfte mir dieses Gefühl zerstören. Ich und Frey, so schien es mir manchmal, wenn ich nach einer besonders intensiven Sitzung nach Hause kam, wir waren die Überlebenden eines Krieges, von dem außer uns niemand wusste.
„Gibst du mir deinen Ausweis?“ Alex machte sich bereit. Vor uns stand nur noch eine ältere Dame, neben ihr ein süßes Mädchen, einmal Modell „Frohe Weihnachten“ und einmal „Kinderglück“.
Ich reichte Alex meinen Ausweis und konzentrierte mich auf den Inhalt meiner Handtasche.
Alex und ich hatten uns ein Jahr zuvor im November kennengelernt. Er kam gerade von einer komplizierten Herzoperation, ich von einer anstrengenden Geburt. Dass es ausgerechnet der 11.11. war, nahmen wir als ein gutes Zeichen. Im darauffolgenden April zogen wir bereits zusammen und dann – wieder am 11.11. – hatten wir uns verlobt. Unsere Hochzeit war für das kommende Jahr geplant. Ich hatte Alex zu nichts gedrängt, vor allem nicht zu dem Besuch bei seiner Familie. Im Gegenteil: Den ganzen Advent über hatte mich Alex angefleht, über die Weihnachtsfeiertage doch mit zu seiner Familie zu kommen.
„Zweimal nach Stuttgart“, sagte er und schob die Personalausweise über den Schalter.
Die Dame betrachtete ihn mit Wohlgefallen. In seinem weißen Hemd und der dunkelblauen Jacke hätte er auch Pilot ihrer Fluggesellschaft sein können. Mit keinem Wort erwähnte sie, dass wir hier fehl am Platz waren.
Alex und ich hatten uns in der Charité kennengelernt, in Berlin, wo wir beide arbeiteten. Alex war Chirurg. Ich war Hebamme. Deshalb machte ich mir von Anfang an keine Illusionen: Es war für mich klar, dass Alex sich nur zwischen zwei stressigen Beziehungen bei mir erholen wollte. Hebammen waren nun mal eine ideale Projektionsfläche für Geborgenheit und Natürlichkeit. Dass Alex wirklich mich meinte, eine ganz normale, nicht besonders schlanke, nicht besonders sportliche, nicht besonders gut situierte Frau, das konnte ich mir lange nicht vorstellen.
„Ich liebe dich“, sagte Alex und reichte mir triumphierend meine Boardingkarte. Immer, wenn er besonders zufrieden war, sagte er: „Ich liebe dich.“ Und das war oft.
Wie bei allen Menschen, die hart an sich arbeiteten, war auch meine Selbstwahrnehmung kritischer als die der anderen. Frey, der zudem ein talentierter Zeichner war, hatte einmal nach meiner Selbstbeschreibung ein Bild gemalt. Es kam eine dicke, unattraktive Frau dabei heraus mit einem Gesicht wie ein Mondkalb. In meiner Wohnung im Wedding, in der ich zehn Jahre gelebt hatte, bevor ich zu Alex in das Penthouse nach Mitte zog, hatte das Bild an meinem Kühlschrank gehangen. Immer wenn ich es sah, musste ich lachen.
Komplimente bekam ich meistens für meine braunen, langen, glatten Haare, die ich seit jeher im Mittelscheitel trug. „Unbewusst haben Sie dabei immer schon die perfekte Symmetrie Ihres Gesichts hervorgehoben“, erklärte mir die Frau bei der Typ-Beratung, die mir Nadine zum Geburtstag geschenkt hatte. „Den Mittelscheitel können wir lassen“, entschied sie, bevor sie sich daran machte, alles andere zu verändern.
„Sie sehen aus wie die Jungfrau Maria“, hatte mir einmal ein Mann gesagt, der zufällig im Petersdom neben mir stand und zuerst zur Decke und dann auf mich zeigte. Er hatte recht. Die Frau, die oben in der Kuppel schwebte, hatte ein breites, flächiges Gesicht. Das Gesicht eines Mondkalbs. In der Tat hatte ich bereits von verschiedenen Männern gehört, dass ich schön sei wie eine Madonna; von Männern, die mich nach kurzer Zeit wieder verlassen hatten.
Dass ich mittlerweile relativ entspannt mit meinem Körper und den Bildern der Schönheitsindustrie umging, war Freys Verdienst. Aber auch Frey konnte keine Wunder vollbringen: Meine Schenkel waren zu dick, von meinem Bauch ganz zu schweigen, die Hände zu groß und der Mund zu klein. Ich machte mir nichts vor. Es gab viele Frauen, die schöner, erfolgreicher und charmanter waren als ich. Aber vor allem gab es viele Frauen, die jünger waren als ich. Ich war bereits 38 Jahre. Seit einiger Zeit färbte ich meine schönen Haare braun. Alex war 43. Seine Haare waren dunkelblond. Ich wusste, dass er Kinder wollte, das hatte er mir gleich in der ersten Nacht ins Ohr geflüstert. Warum also suchte er sich nicht einfach eine jüngere Frau?
Wie gesagt, ich habe lange gebraucht, um zu kapieren, dass Alex wirklich mich meinte.
Und dann kam der Antrag. Nie hätte ich gedacht, dass ich nochmal heiraten würde.
Meine erste Ehe ging ich im zarten Alter von zwanzig Jahren mit einem blassen Engländer ein. Auf dem Hochzeitsbild, das nur mich und ihn vor dem Standesamt zeigte, war sein Gesicht kaum zu erkennen, als wäre es überbelichtet. Wenn ich an Tim zurückdachte, sah ich das graue Meer von Le Havre, wo wir uns auf einer Fähre kennengelernt hatten. Als wir uns scheiden ließen, war ich gerade mal 25, ich schmiss ihm noch den Rucksack nach, den ich ihm geschenkt hatte, bevor er für immer aus meinem Leben verschwand. Kurz darauf schmiss ich mein Studium. Ich hatte fünf Semester Geschichte studiert, dann drei Semester Medizin, doch nach einem längeren Krankenhausaufenthalt aufgrund eines Magendurchbruchs war ich mir plötzlich sicher gewesen, Hebamme werden zu wollen.
Tim. Immer wieder verschwanden Menschen aus meinem Leben, ohne jemals wieder aufzutauchen. Papa.
Nach Tim kamen noch ein paar Beziehungen, die in der Regel nach einem halben Jahr scheiterten; meistens waren es, wie gesagt, die Männer, die mich verlassen hatten. „Aber du bist es, die sie dazu bringt, dich zu verlassen“, hatte Frey immer wieder versucht, mir einzureden. Vielleicht stimmte das sogar. Denn im Grunde meines Herzens war ich, bevor ich Alex traf, nicht mehr bereit für eine richtige Beziehung gewesen. Also hatte ich mich die Jahre zwischen 25 und 38 voll und ganz auf meinen Beruf konzentriert. Das Einzige, was ich ohne Abstriche von mir sagen konnte, war, dass ich eine gute Hebamme war. Mein Leben hatte aus Nacht- und Wochenendschichten bestanden – und plötzlich war ich 38.
„Die Schuhe bitte auch“, sagte der Mann an der Sicherheitskontrolle. Widerwillig befolgte ich seine Anweisung, denn ohne Schuhe sahen meine Beine noch kürzer aus, als sie ohnehin schon waren. Alex’ Handgepäck war bereits durchleuchtet worden, doch etwas schien nicht in Ordnung zu sein.
„Ich bin Arzt“, hörte ich ihn sagen, als der Sicherheitsbeamte etwas betrachtete, das aussah wie eine Spritze, doch der Mann forderte Alex trotzdem auf, mitzukommen.
„Ich bin gleich wieder da, Schatz.“ Alex lächelte mich an, während ich meine Arme ausbreitete. Ich nickte.

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