STILLE NACHT

Ein Weihnachtskurzkrimi von Silke Nowak

Belinda und er schenkten sich schon lange nichts mehr zu Weihnachten. Der Ring, den er ihr am Heiligabend vor sieben Jahren geschenkt hatte, war nicht ganz ihr Geschmack gewesen. Sie mochte kein Gold, hatte er an diesem Abend erfahren, nur Silber. Außerdem hatte er nicht gepasst. Sie hatte ihn einfach nicht über den Ringfinger bekommen, der mit den Jahren kräftiger geworden zu sein schien. Im nächsten Jahr hatte er ihr dann Unterwäsche geschenkt, ein letzter Versuch, um ihr zu zeigen, dass er sie immer noch begehrte. Doch auch die war nicht ganz ihr Geschmack gewesen; und gepasst hatte sie auch nicht.
Wenn er es recht bedachte, hatte eigentlich nie etwas gepasst. Aber nach dreißig Jahren Ehe, da trennte man sich nicht so einfach. Da wurde halt passend gemacht, was nicht passte. Das war der Schlüssel zum Glück, einfach die Dinge verändern, bis sie sich fügten. Leider hatte er das viel zu spät erkannt, sonst hätten Belinda und er viel mehr von diesen friedlichen Weihnachtsabenden feiern können, wie es heute einer war.
Der Baum leuchtete festlich, die Musik spielte leise im Hintergrund und er hatte sein bequemes Lieblingshemd angezogen. Belinda hielt sich schon den ganzen Tag über zurück; sie hatte noch kein Wort darüber verloren, dass sie Blasmusik schrecklich fand und sein kariertes Hemd unmöglich. Nicht einmal der Baum stand schief.
Nur beim Essen, da würde er einen Kompromiss eingehen müssen. Belinda zuliebe war alles, was heute auf den Tisch kam, Tiefkühlkost. Das wäre zeitsparend und außerdem gesund, sagte sie immer. Der Ofen heizte bereits vor. Es würde den Rehbraten geben, den Belinda letzte Woche eingefroren hatte, dazu Erbsen und die guten Kroketten.
Im Prinzip war alles da für ein gelungenes Festessen. Doch etwas fehlte noch. Er ging in den Keller, wo die alte, rechteckige Gefriertruhe stand, öffnete den Deckel und sagte: „Entschuldigung, mein Schatz. Ich bräuchte noch etwas Petersilie.“ Den Kopf verdreht und die Beine seltsam angewinkelt lächelte sie ihn an. Die hundertzwanzig auf achtzig Zentimeter große Truhe war im Prinzip zu klein für eine ausgewachsene Frau. Doch was nicht passte, hatte er halt passend gemacht.

veröffentlicht in: Südfinder, Mittwoch, 18. Dezember 2019, S. 4.